Herbst – Zwischen Licht und Stille

Form: Poetische Prosa

Über den Text: Ein stiller Gang durch den Herbst wird zur Betrachtung über Wandel, Würde, Loslassen und Frieden.

Veröffentlichung: AIEIA – Zeitschrift für Literatur, Ausgabe 1/2026 „Herbst“

Auswahl: Aus der thematischen Ausschreibung „Herbst“

Am Anfang war der Lärm.
Autos, Stimmen, Tage voller Müssen.
Dann kam das erste Blatt, das sich löste,
als wäre nichts geschehen –
und doch änderte sich alles.

Ich gehe jetzt langsamer.
Nicht, weil die Welt sich verändert hat,
sondern weil ich sie endlich sehe.
Das Licht fällt tiefer,
nicht härter.
Ich mag das.
Dieses sanfte Ermatten.
Diese Wahrheit ohne Ehrgeiz.

Die Luft riecht nach Erinnerung,
nach Holz und nach Müdigkeit.
Ein Vogel zieht,
allein, gegen den Wind.
Ich höre das Geräusch seiner Flügel
und weiß: Er muss nicht ankommen,
er fliegt nur, weil es seine Art ist.

Ich wollte lange festhalten,
Menschen, Stimmen, Dinge.
Doch der Herbst lehrt mich,
dass nichts geht – es sei denn, es darf.

Und so lasse ich los,
nicht mit Schmerz,
sondern mit einem Nicken.
Die Dinge dürfen fallen,
wie Blätter,
wie Sätze,
wie ich.

Ich bleibe stehen.
Vor mir ein Feld, das atmet.
Die Halme beugen sich,
nicht aus Schwäche,
sondern, weil sie wissen,
dass Wind dazugehört.

Ich sage nichts.
Der Herbst antwortet nicht.
Aber etwas in mir beginnt,
ihn zu verstehen.

Er legt mir kühle Hände
auf die Stirn,
nimmt mir das Restlicht
aus den Augen,
als wolle er mich daran erinnern,
dass Sehen auch Vertrauen heißt.

Ich spüre,
wie die Farben leiser werden,
wie die Tage sich sammeln,
um kleiner zu werden.
Das Leben zieht sich zurück,
nicht aus Angst,
sondern, um Kraft zu sparen
für das, was wiederkommt.

Ein Blatt fällt.
Langsam, als hätte es Zeit.
Und ich denke:
So müsste man gehen –
nicht fliehen,
nicht festhalten,
nur fallen,
mit Würde.

In mir wird es still,
wie in einem Zimmer,
in dem eben jemand gegangen ist.
Doch die Wärme bleibt.

Ich lächle.
Zum ersten Mal seit Langem
ohne Grund.

Der Herbst sagt nichts.
Aber ich weiß:
Er hat mich verstanden.

Ich ging weiter ohne Ziel,
nur mit den Schatten der Bäume im Schritt.
Hinter mir nichts verloren,
vor mir nichts zu holen.
Und der Wind trägt, was bleibt –
und nennt es Frieden.

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