Konto der Toten

Form: Psychologische Mystery-Kurzgeschichte

Über den Text: Nach dem Tod ihres Vaters entdeckt Marina ein Konto, das weiterlebt – und mit jedem Tag wächst.

Wettbewerb: Walter-Serner-Preis 2025

Thema: „Money, Money, Money“

Veranstalter: radio3 vom rbb und Literaturhaus Berlin

Einsendeschluss: 12. Oktober 2025

Hinweis: Eine Fassung dieses Textes wurde für den Wettbewerb eingereicht.

Der Bruch

Der Tod meines Vaters kam wie ein Stromausfall. Kein Vorzeichen, kein langsames Flackern, nur plötzlich Dunkel. Noch Tage später stand seine Tasse am Küchentisch, als hätte er nur einen Augenblick den Raum verlassen.

Seitdem regle ich alles. Rechnungen, Miete, Telefon. Die Mutter gibt mir Umschläge, die sie nicht mehr öffnen will. Sie sagt, ich solle mich kümmern, „so wie dein Vater es gemacht hätte“. Sie weiß nicht, wie viele Ordner er hinterlassen hat, wie viele Formulare in Schubladen liegen, geordnet nach Jahren, gestempelt, signiert.

Ich richte Daueraufträge ein, überweise Abschläge, schreibe die Versorger an. Die Arbeit schiebt sich zwischen meine Artikel, die Deadlines in der Redaktion, die langen Abende, an denen ich versuche, gleichzeitig Tochter, Haushaltshilfe und Journalistin zu sein. Manchmal vergesse ich, die Katze zu füttern, bis sie maunzend durchs Zimmer läuft.

Dann legte meine Mutter mir einen dicken Umschlag auf den Tisch. „Schau mal nach“, sagte sie, „da stimmt was nicht. Dein Vater hätte das überprüft.“
Die Blätter rochen nach Bankpapier, nach Druckerschwärze und Metallkanten. Der Geruch stieg mir in die Nase, trocken und beißend, und erinnerte mich an die Aktenstapel im Krankenhaus, wo wir auf die Diagnose meines Vaters gewartet hatten. Kontoauszüge, seitenweise. Meine Mutter hatte sie alle gesammelt, ungeöffnet, weil sie es nicht mehr verstand.

Ich blätterte. Erst mechanisch, Blick auf die Adresse, auf den Namen. Alles stimmte. Doch die Zahlen nicht. Der Kontostand war zu hoch. Viel zu hoch.

12.482,33 €.
Dann 12.968,54 €.
Dann 13.402,11 €.

Jeden Tag ein neuer Betrag, jeden Tag ein Zuwachs, als würde jemand täglich einzahlen. Ich runzelte die Stirn. Mein Vater war ein sparsamer Mann, er hätte nie solche Summen bewegt. Wir hatten nie Rücklagen, nie Sicherheit. Ich erinnere mich an Rechnungen, die er in Raten abstotterte, an Diskussionen über Heizkosten. Und nun diese Zahlen, schwarz auf weiß.

„Mama“, sagte ich, „das kann nicht stimmen.“
Sie sah mich an, mit diesem leicht trüben Blick, der zwischen Verstehen und Vergessen schwankte. „Dein Vater hat immer alles geregelt“, sagte sie nur.

Ich blätterte weiter. Es hörte nicht auf. Ein Paket aus Hunderten von Seiten, immer neue Summen, immer dieselbe Adresse, immer derselbe Name. Aber ein Konto, das nicht zu unserem Leben passte.

Es war nicht unser Konto. Ich wusste es, noch bevor ich die Nummer sah. Und trotzdem war es an uns adressiert.

Die Auszüge

Ich schob die Blätter beiseite, doch sie fielen immer wieder in meinen Blick zurück. Jede Zahl klebte an mir wie eine Notiz, die ich vergessen hatte. Täglich neue Eingänge, als ob irgendwo jemand unermüdlich Geld auf dieses Konto schaufelte. Keine Gehälter, keine bekannten Namen, nur neutrale Verweise: Überweisung, Eingang, Buchung.

Ich suchte nach dem Fehler. Die Adresse stimmte. Der Name stimmte. Nur die Nummer nicht. Doch wer sieht schon auf die Nummer, wenn oben der richtige Absender steht? Meine Mutter hatte die Seiten so gehütet, als sei in ihnen der Schlüssel zum Weiterleben verborgen.

„Vielleicht hat dein Vater doch…“ – sie brach ab, sah mich nicht an. Ihr Blick irrte zwischen Teppich und Wand, irgendwo zwischen Erinnerung und Vergessen. „Er wollte immer, dass du es leichter hast. Für dich. Für später.“

Aber das passte nicht. Mein Vater hatte keine Geheimkonten, keine Rücklagen. Er war keiner, der im Verborgenen Reichtum hortete. Alles, was er hatte, ging in die Familie, in Medikamente für meine Mutter, in Rechnungen, die nicht warten konnten.

Ich blätterte weiter. Ein Paket wie ein Ziegelstein. Jeder Tag markiert, jede Buchung mechanisch ausgedruckt. 15. August: 358,20 €. 16. August: 502,70 €. 17. August: 219,05 €. Unregelmäßig, aber stetig, wie ein Herzschlag, der nie aussetzt.

In mir wuchs kein Gefühl von Reichtum, sondern von Bedrohung. Zu viel Ordnung, zu viel Regelmäßigkeit in einer Welt, die nie ordentlich war. Ich kannte den Geruch von Mahnungen, das Rascheln von abgelaufenen Fristen. Dieses Konto aber war eine andere Welt: es wuchs, egal, was wir taten.

Am nächsten Morgen nahm ich die Mappe mit ins Büro. Ich legte sie nicht offen auf den Schreibtisch, aber sie lag da, schwer in meiner Tasche, während die Konferenz begann. Irgendwann, nach den üblichen Diskussionen über Auflage, Titelzeilen und die Politik des Tages, ließ ich das Thema fallen wie im Vorbeigehen.

„Stellt euch vor, es gäbe ein Konto, das nach dem Tod weiterläuft“, sagte ich.
Ein Kollege lachte: „Das klingt nach einer Story, Marina. Lass uns das bringen: Das unsterbliche Konto."
Ich winkte ab. „Es ist ein Irrtum, mehr nicht.“
Doch selbst während ich es sagte, hörte ich, wie wenig ich daran glaubte.

Tägliche Eingänge

Die Zahlen hörten nicht auf.
Jeden Tag ein neuer Eingang, mal klein, mal groß, aber immer da, verlässlich wie eine Maschine, die niemand ausgeschaltet hatte. Ich begann die Auszüge nicht mehr nach Datum zu lesen, sondern nach Puls. Ein Herz, das weiter schlägt, obwohl der Körper längst begraben ist.

In der Redaktion hing ich zwischen Terminen und Tastatur. Politik, ein kleiner Skandal in der Stadt, eine Eilmeldung über eine Ministerrede. Alles rauschte vorbei. Doch jedes Mal, wenn ich den Bildschirm minimierte, spürte ich die Mappe in meiner Tasche. Schwerer als Papier sein kann.

In der Kaffeeküche sprach mich Jana an. „Du wirkst abwesend. Alles okay?“
Ich nickte, schüttete Milch in den Becher, sah zu, wie der Strudel sich legte. Dann hörte ich mich sagen: „Meine Mutter hat mir Kontoauszüge gegeben. Von meinem Vater. Aber… es ist seltsam.“
„Seltsam?“
„Es wächst. Jeden Tag. Er ist tot, Jana.“

Sie schwieg, und für einen Moment war nur das Ticken des Automaten zu hören. Dann lachte sie unsicher. „Vielleicht ein Bankfehler. Irgendwo buchen die Computer falsch. Ist schon mal passiert.“
„Jeden Tag?“ fragte ich.
Sie hob die Schultern. „Vielleicht solltest du froh sein.“

Froh. Dieses Wort blieb wie ein Fremdkörper in mir hängen. Für einen Moment dachte ich sogar, dass wir das Geld vielleicht wirklich gebrauchen könnten – und sofort schämte ich mich für diesen Gedanken, als hätte ich meinen Vater verraten. Ich sollte froh sein, dass mein Vater im Tod reicher ist als im Leben? Dass eine Maschine ihn besser versorgt als wir es konnten?

Später auf dem Heimweg redete ich mit mir selbst, halblaut, als wäre ich eine Zeugin, die sich vernehmen ließ:
Es ist nur ein Irrtum. Es ist nicht deins. Geh zur Bank. Klär es. Sei vernünftig.
Aber in der nächsten Sekunde:
Und wenn es Absicht ist? Wenn er dir doch etwas hinterlassen wollte?

Ich blieb an einer Ampel stehen, Autos zogen vorbei, die Stadt rauschte. Für einen Moment drohte mir die Tasche aus der Hand zu gleiten, und ich klammerte mich an das kalte Metall des Ampelmastes, als brauchte ich Halt. Niemand hörte, wie ich leise mit mir stritt. Niemand ahnte, dass jede Buchung wie eine neue Botschaft wirkte. Ein Echo aus einer Hand, die nicht mehr da war.

Am nächsten Tag traf ich in der Redaktion auf Timo. Er hatte meine Bemerkung vom Vortag nicht vergessen und grinste breit. „Also, Marina – das mit dem Konto. Da steckt doch eine Hammerstory drin. So etwas verkauft sich!“ Er beugte sich über meinen Schreibtisch, als wäre er Komplize in einer großen Enthüllung.

Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf stieg. „Das ist mein Vater. Kein Stoff für Schlagzeilen.“ Meine Stimme war schärfer, als ich wollte. Timo blinzelte irritiert, hob die Hände, als wollte er beschwichtigen. „Hey, war doch nur eine Idee.“

Doch die gereizte Spannung blieb in mir hängen, noch lange nachdem er gegangen war.

Systemfehler

Der Bankangestellte trug ein Lächeln wie aus Plastik.
„Es kommt vor“, sagte er, als ich ihm die Auszüge auf den Tisch legte. „Manchmal übermittelt das System falsche Daten. Da dürfen Sie sich keine Sorgen machen.“

Keine Sorgen. Das waren Worte, die ich in letzter Zeit kaum noch hörte.
„Das sind hunderte Buchungen“, sagte ich. „Jeden Tag. Über Wochen.“
Er nickte, als sei das normal. „Systemfehler. Wir prüfen das.“

Ich suchte nach einem Blick in seinen Augen, einem Zucken, das verriet, dass er selbst nicht daran glaubte. Doch er blieb starr, geübt im Beschwichtigen. Am Ende drückte er mir einen Zettel in die Hand, eine Servicenummer, die ich anrufen könne. Doch sein Ton klang kühl, fast genervt, als sei ich die Störerin in einem geregelten Ablauf. "Mehr kann ich nicht tun", schob er nach, während er die Mappe zurückschob, als wollte er sie so schnell wie möglich von seinem Schreibtisch verschwinden lassen.

Draußen regnete es. Ich stellte mich unter ein Vordach, die Tropfen hämmerten aufs Pflaster. Ich wählte die Nummer. Warteschleife. Eine Stimme erzählte mir von der Stabilität des Onlinebankings, von unserer Sicherheit, von Servicequalität. Ich hörte mich atmen, hörte, wie meine eigene Ungeduld lauter wurde als der Regen.

Am Abend starrte ich wieder in die Auszüge.
Systemfehler.
Das Wort rollte in meinem Kopf, schwer wie Blei. Ein Fehler, der wächst, Tag für Tag, präzise und pünktlich, ohne Pause. Fehler machen Lücken, Brüche, Aussetzer. Aber hier war kein Aussetzer. Hier war Ordnung. Zu viel Ordnung.

Später in der Nacht las ich mich durch Foren, durch dunkle Ecken des Netzes. Zwischen Verschwörung und Technikjargon stieß ich auf einen Satz, anonym, unscheinbar:
„Manche Konten leben länger als ihre Besitzer.“

Ich las ihn wieder und wieder. Ein kalter Zug lief mir den Rücken hinunter.
War es ein Scherz? Ein Algorithmus, der Totenlisten mit Bankdaten verwechselt? Oder etwas anderes – ein Rauschen im System, das niemand erklären wollte?

Ich schloss den Laptop. Die Wohnung war still. Nur die Katze sprang auf das Fensterbrett und starrte hinaus in die Nacht, als sähe sie etwas, das mir verborgen blieb.

Das Echo

Meine Mutter saß im Sessel, die Hände auf der Decke gefaltet. Der Fernseher lief ohne Ton, ein flackerndes Licht über ihrem Gesicht. Als ich die Mappe in der Hand hielt, sah sie mich an, so klar wie selten.

„Dein Vater hat dich versorgt“, sagte sie. „Er sorgt immer noch.“
Ihre Stimme war brüchig, doch die Worte fielen, als gehörten sie nicht ihr allein.

Ich setzte mich auf die Armlehne, schlug die Seiten auf. Zahlen, Summen, Buchungen. Beweise einer Ordnung, die keiner verstand.
„Es ist nicht sein Konto“, sagte ich leise.
Sie lächelte, fast milde. „Er hat immer gewusst, wie man etwas findet.“

Ich wollte widersprechen, doch der Satz blieb in mir hängen. Vielleicht war es nicht wichtig, ob die Zahlen stimmten. Vielleicht war es nur wichtig, dass etwas blieb, das uns trug – auch wenn es ein Irrtum war, ein Rest, ein Nachhall.

In der Nacht öffnete ich den Laptop erneut. Das Konto stand da, nüchtern, unbeeindruckt. Ein neuer Eingang, wieder ein Plus, eine weitere Zahl in einer Reihe, die kein Ende kannte.

Ihr Kontostand beträgt: 14.872,90 €.

Ich legte die Stirn auf die Hände. Der Tisch war klebrig von verschüttetem Kaffee, doch ich achtete kaum darauf.
War es Betrug? Ein Geschenk? Ein System, das den Tod nicht akzeptierte? Oder sollte ich den nächsten Eingang überhaupt noch überprüfen – oder lieber wegsehen, so tun, als gäbe es ihn nicht?
Oder nur ein Echo – ein letzter Widerhall aus dem Leben meines Vaters, den niemand löschen konnte?

Bevor ich aufstand, hörte ich meine Mutter leise etwas murmeln. Ich trat noch einmal an ihr Zimmer. Sie lächelte schwach und flüsterte: „Dein Vater hat mir einmal gesagt, wenn alles dunkel wird, dann finde ich den Weg über die Zahlen. Sie führen dich heim." Ein Satz, der wie eine Erinnerung und ein Rätsel zugleich klang.

Ich hörte die Katze schnurren, die Stille der Wohnung, das leise Atmen meiner Mutter im Nebenzimmer.
Und ich ließ die Zahlen stehen, als Zeichen, dass etwas weiterging. Nicht richtig, nicht falsch – nur da.

Vielleicht würde morgen wieder eine neue Summe erscheinen, vielleicht nie mehr. Doch die Frage blieb: Was, wenn das Echo stärker wird als die Stille? Ein Anfang, verborgen im Ende.

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