Vom Glück der Berge

Form: Literarische Parabel

Über den Text: Ein Mann steigt in die Berge, um das Glück zu finden – und erkennt, dass es nicht im Besitz, sondern im Erleben liegt.

Wettbewerb: Schreibwettbewerb „Vom Glück der Berge“ 2025

Veranstalter: Deutscher Alpenverein (DAV)

Thema: Persönliche, berührende und fantasievolle Geschichten rund um die Berge

Einsendeschluss: 20. November 2025

Hinweis: Eine Fassung dieses Textes wurde für den Wettbewerb eingereicht.

Der Aufbruch

Man sagt, das Glück sei ein scheues Tier.
Es lebt nicht im Lärm der Städte, nicht in den Märkten, wo Menschen nach Besitz greifen, und nicht in den Gläsern der Wirtshäuser, in denen man es zu trinken hofft. Manche flüstern, es habe sich in die Berge zurückgezogen, dorthin, wo die Wege schmal werden und die Luft klar ist. Und wer mutig genug sei, es zu suchen, der müsse den Aufstieg wagen – hinauf, bis die Welt klein unter den Füßen liegt.

Ich war einer von denen, die sich aufmachten. Nicht, weil ich arm war, nicht, weil ich reich sein wollte. Sondern weil in mir eine Leere wuchs, die nichts füllte. Ein Freund hatte mir gesagt: „Manchmal liegt das Glück auf dem Gipfel, zwischen Steinen und Sternen.“ Ich wusste nicht, ob er recht hatte – aber ich wollte es herausfinden.

So packte ich eines Morgens meinen Rucksack. Keine großen Dinge, nur Brot, ein Messer, die Feldflasche, ein Stück Seil. Die Sonne stand noch tief, als ich das Dorf verließ. Hinter den Schindeldächern lagen schon die Wälder, dunkel und still, als hätten sie Geheimnisse zu bewahren. Der Pfad stieg an, zuerst kaum merklich, dann in Serpentinen, die Beine fordernd, den Atem schwer machend.

Bald schon hörte ich nichts mehr als meinen eigenen Schritt, das Pochen des Herzens, das Rascheln von Tannenästen im Wind. Die Vögel schwiegen, als wollten sie mich prüfen. Ich fühlte mich beobachtet – von den Felsen, von den Bäumen, vielleicht sogar von dem Berg selbst, als wollte er wissen, ob ich würdig sei, sein Inneres zu betreten.

Es war kein Aufbruch wie in den Geschichten der Alten, in denen Helden mit Fahnen und Liedern losziehen. Es war ein stiller, zäher Beginn. Jeder Schritt wurde schwerer, jeder Blick zurück zeigte, wie weit das Dorf schon entfernt war. Dort unten lag das Leben, das ich kannte. Hier oben begann ein anderes.

Nach der ersten Stunde kam der erste Stein, der sich löste. Unsichtbar über mir, von keinem Tier, keinem Menschen bewegt – nur vom Berg selbst. Er krachte neben meinen Schuhen zu Boden, sprühte Splitter. Ich stand still, der Atem stockte. Noch einen halben Schritt weiter, und er hätte mich getroffen.

Ich sah nach oben, in die Felsen, die unbewegt wirkten, als sei nichts geschehen. Nur mein Herz raste.
„Glück“, dachte ich. „Glück, dass ich lebe.“

Es war der erste Schatten eines Gedankens, der mich den ganzen Weg begleiten sollte: dass das Glück nicht im Ziel liegt, sondern in jedem überstandenen Augenblick. Doch das wusste ich da noch nicht. Ich sah nur den Stein und die Wunde, die er nicht gerissen hatte.

Der Pfad wand sich weiter. Die Sonne kletterte höher, ihr Licht flutete den Wald. Ich spürte Schweiß auf der Stirn, das Gewicht des Rucksacks im Rücken, das Ziehen in den Oberschenkeln. Aber unter all dem lag eine stille Freude: dass ich unterwegs war. Dass ich aufgebrochen war, um etwas zu suchen, das niemand für mich aufbewahren konnte.

Am Nachmittag erreichte ich eine Lichtung. Dort stand eine alte, verlassene Hütte, Balken grau, Dach halb eingebrochen. Ich trat näher, roch den Duft von Harz, von altem Holz, von Moos. Für einen Augenblick meinte ich, ein Flüstern zu hören – als hätten die Wände Stimmen. Aber es war nur der Wind, der durch die Ritzen strich.

Ich setzte mich auf die Stufen der Hütte, trank Wasser aus der Flasche, ließ den Blick schweifen. Vor mir lagen die Höhenzüge, einer über dem anderen, in Blau und Grau verblassend. Noch war ich nicht weit gekommen, doch ich wusste: Ich hatte die Schwelle überschritten. Ich war auf dem Weg ins Herz des Berges.

Und irgendwo dort oben, so glaubte ich, wartete das Glück.
Ob in Form eines Edelweißes, ob als Weite des Himmels, ob als Antwort auf eine Frage, die ich noch nicht zu stellen wagte – ich wusste es nicht. Aber ich spürte, dass es sich lohnte, weiterzugehen.

Die Prüfung

Der Himmel hatte sich unmerklich verändert. Wo am Morgen noch helles Blau zwischen den Gipfeln leuchtete, ballten sich jetzt graue Wolken. Ich hörte, wie der Wind in den Kronen der Lärchen tiefer sang. Der Berg prüfte mich, das spürte ich.

Ich ging weiter, Schritt für Schritt, während sich das Licht verdunkelte. Ein erstes Donnergrollen rollte über die Hänge. Meine Schritte beschleunigten sich, obwohl ich wusste, dass man in den Bergen niemals hetzen sollte. Doch ein Sturm, der sich in Minuten entlädt, ist stärker als jedes Zögern.

Der Regen kam schräg, peitschend. Tropfen schlugen mir ins Gesicht wie kleine Steine. Der Boden wurde glitschig, jeder Schritt ein Risiko. Ich suchte mit den Augen nach Schutz und fand ihn schließlich: eine kleine Höhle, kaum mehr als ein Schlund im Fels.

Dorthin kroch ich, drückte mich in den kalten Stein. Der Donner krachte über mir, Blitze zerschnitten den Himmel. Für einen Augenblick fühlte ich mich wie nichts – wie ein Stäubchen, das der Berg jederzeit hinwegfegen konnte.

Aber genau in dieser Ohnmacht war es, als würde mir etwas zuflüstern: Du lebst. Jeder Blitz, der mich nicht traf, war Glück. Jeder Schlag des Herzens war Glück. Ich saß dort, triefend nass, die Knie an den Körper gezogen, und lachte leise. Nicht aus Freude, sondern aus Erleichterung.

Der Sturm tobte, und doch spürte ich unter all der Furcht eine Wärme: das Wissen, dass ich noch da war. Dass der Berg mich verschonte.

Als die Wolken sich endlich verzogen, war die Luft klarer als je zuvor. Ein Regenbogen spannte sich von Gipfel zu Gipfel. Tropfen glitzerten auf den Steinen, als hätte der Berg sie mit Silber bestäubt.

Ich trat aus der Höhle, atmete tief. Und begriff: Das Glück liegt manchmal darin, den Sturm zu überstehen und danach die Klarheit zu sehen.

Ich ging weiter, noch tiefer hinein in das Reich des Berges. Hinter mir rauschte der Regen in den Tälern. Vor mir lag der Aufstieg, steiler, steiniger. Aber in mir war ein neuer Ton: Dankbarkeit.

Denn ich hatte nicht nur überlebt. Ich hatte den ersten Beweis gefunden, dass das Glück wirklich hier oben wohnte – verborgen in jedem Atemzug, den man nicht verliert.

Die Nacht am Berg

Der Regen hatte nachgelassen, doch der Himmel blieb verhangen. Der Pfad führte mich höher, über Geröllfelder, die jeden Schritt unsicher machten. Meine Stiefel rutschten auf nassen Steinen, und das Echo meiner Schritte hallte seltsam zurück – als ob der Berg selbst meine Anwesenheit kommentierte.

Als die Dämmerung kam, wusste ich, dass ich keinen Gipfel mehr erreichen würde. Ich suchte nach einem Platz für die Nacht und fand ihn schließlich: eine kleine Mulde zwischen Felsen, windgeschützt und trocken. Kein Haus, kein Dach, nur der Himmel über mir.

Ich breitete den Mantel aus, legte mich hin, zog die Knie an den Körper. Die Kälte kroch sofort in meine Glieder. Ich spürte, wie die Finger steif wurden, wie jeder Atemzug weiß in die Luft stieg. Aber dann hob ich den Blick, und die Wolken rissen auf.

Über mir stand ein Himmel, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Milliarden von Sternen, dicht wie Staub, als hätte jemand die Milchstraße ausgeschüttet. Das Dunkel war so tief, dass das Licht der Sterne fast zu klingen schien.

Ich hörte meinen Herzschlag, hörte das Knacken der Steine, wenn sie sich in der Kälte zusammenzogen. Und zum ersten Mal seit Beginn meiner Reise fühlte ich, wie klein ich war – und wie groß zugleich. Klein vor der Unendlichkeit, groß, weil ich in ihr atmen durfte.

Angst kam in Wellen. Was, wenn ein Tier den Weg hierher fand? Was, wenn ein weiterer Sturm losbrach? Ich spürte die Furcht im Nacken sitzen. Doch jedes Mal, wenn die Gedanken dunkler wurden, hob ich den Blick, sah wieder die Sterne – und die Angst wurde stiller.

„Glück“, dachte ich, „ist, diese Nacht zu überstehen.“ Nicht reich zu sein, nicht stark, nicht sicher. Nur am Morgen die Augen wieder zu öffnen.

Und so lag ich dort, lauschte dem Atem des Berges, bis die Müdigkeit mich fand. Schlaf kam nicht wie in den Betten daheim, weich und warm, sondern wie ein Wächter: hart, flach, mit Pausen, in denen ich fröstelnd erwachte. Aber er kam, und er ließ mich weitergehen.

Als die ersten Strahlen des Tages über die Grate fielen, lag der Nebel wie ein See im Tal. Ich stand auf, klopfte den Reif von den Schultern und atmete die Morgenluft. Sie war schneidend kalt, aber sie roch nach Neuem, nach Aufbruch.

Die Nacht hatte mich geprüft, aber sie hatte mich auch beschenkt. Ich hatte gesehen, was selten ein Mensch sieht: die Tiefe des Himmels, den Herzschlag der Stille. Und ich wusste nun, dass das Glück manchmal nicht jubelt – sondern schweigt.

Das Edelweiß

Der Pfad wurde steiler, je höher ich stieg. Unter mir sank das Tal zurück, in Nebel gehüllt, und über mir lag nur noch der schroffe Grat, von Schnee gezuckert, vom Wind gepeitscht. Jeder Schritt kostete Kraft. Meine Lunge brannte, meine Beine zitterten, doch etwas in mir trieb mich weiter. Vielleicht war es der Gedanke an das Glück, das irgendwo hier oben auf mich wartete.

Gegen Mittag erreichte ich den letzten Hang. Ein schmaler Steig, kaum breiter als ein Fuß, führte hinauf zu einer Kuppe. Ich hielt den Atem an, setzte vorsichtig Schritt vor Schritt. Ein Fehltritt – und der Abgrund hätte mich verschluckt. Doch der Berg ließ mich gewähren.

Dann stand ich oben. Der Gipfel war kein stolzer Turm, sondern ein schlichter Rücken aus grauem Fels. Aber die Aussicht – sie war grenzenlos. Die Gipfelkette spannte sich wie eine Welle, die am Horizont erstarrt war. Schneefelder glänzten, Adler zogen Kreise, und der Himmel war so klar, dass es schmerzte, hineinzusehen.

Ich setzte mich nieder, atmete, sah in die Ferne. In diesem Augenblick spürte ich nichts von der Last der Tage, nichts von der Mühsal. Nur ein stilles, tiefes Glück.

Und dann sah ich es. Zwischen zwei Felsen, im Schatten, wo kaum Erde lag, stand es aufrecht: ein Edelweiß. Klein, unscheinbar, aber heller als alles andere. Die Blütenblätter wirkten wie Sterne, die sich in die Erde verirrt hatten.

Ich streckte die Hand aus. Nur eine Bewegung, und ich hätte es pflücken können. Ich hätte den Beweis in Händen gehalten, dass ich gefunden hatte, was ich suchte. Doch dann hielt ich inne.

Das Edelweiß wuchs nicht für mich. Es war da, weil der Berg es geboren hatte. Ein Wunder aus Härte und Höhe. Wenn ich es brach, wäre es nur eine Erinnerung, die bald verblasste. Aber wenn ich es ließ, konnte es bleiben – und blühen, vielleicht Jahr für Jahr.

Also zog ich die Hand zurück. Ich lächelte, spürte Tränen in den Augen. Denn ich begriff: Das Glück ist nicht, etwas zu besitzen. Es ist, etwas zu sehen – und dabei zu wissen, dass es existiert.

Ich saß dort lange, bis die Sonne tiefer sank. Jeder Atemzug wurde mir zu einem Geschenk. Ich dachte an den Stein, der mich verfehlt hatte, an den Sturm, den ich überstanden hatte, an die Nacht unter Sternen. Jedes Mal hatte das Glück mich gestreift, leise, unaufdringlich. Und nun, auf dem Gipfel, sah ich, was all das bedeutete:

Glück ist nicht das Ziel, sondern der Weg. Glück ist nicht die Trophäe, sondern die Aussicht. Glück ist, dass man hinabsteigen darf, mit Herz und Haut unversehrt, mit Augen, die gesehen haben.

Als ich mich erhob, war das Tal weit, der Weg steil, doch in mir war Ruhe. Ich ließ das Edelweiß dort, wo es blühte. Und mit jedem Schritt abwärts wusste ich: Ich hatte gefunden, was ich suchte.

Nicht in der Blume. Nicht im Gipfelkreuz.
Sondern in mir – geboren aus den Bergen, die mir das Glück gezeigt haben.

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